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Gschichten vom Hüttenwirt

21. Juli 2011 nochmal gut gegangen

Für vorgestern am Dienstag hatte der Wetterbericht Salzburg ein Schönwetterfenster vorausgesagt. In der Nacht zum Mittwoch sollte eine Kaltfront kommen mit Schneefallgrenze um ca. 2200 m.

Am Nachmittag war nur noch eine deutsche Familie auf der Hütte. Meine Warnungen wurden nicht so richtig ernst genommen, denn draußen schien noch die Sonne – es war ja ein schöner Sommertag.

Abends um 18:oo Uhr kam noch eine tschechische Familie mit zwei Kindern auf die Hütte.
Sie hatten augenscheinlich nicht geplant am Matrashaus zu übernachten, denn sie hatten nur knielange dünne Leggins an, und auch die beiden kleinen Tagesrucksäcke ließen nicht mehr viel zusätzliche Kleidung vermuten.
Sie sprachen kein Deutsch, und ihr Englisch war noch schlechter als das meinige.

In gewisser Weise saßen die vier in der Zwickmühle.
Einerseits konnten sie heute nicht mehr absteigen, denn für den Aufstieg hatten sie schon mehr als die üblichen 5-6 Stunden gebraucht. Selbst bei einer normalen Abstiegszeit von 3-4 Stunden wären sie mit Sicherheit in die Dunkelheit gekommen.
Die ganze Familie war ziemlich erschöpft, deshalb hätte es ihnen auch nichts geholfen, wenn sie von mir für den Abstieg eine lampe bekommen hätten. Es wäre einfach zu gefährlich gewesen.
Andererseits waren sie für den erwarteten Schnee natürlich völlig unzureichend ausgerüstet. Und die nötige Erfahrung, um bei schlechtem Wetter abzusteigen fehlte ihnen sowieso.

Die deutsche Familie saß gerade beim Abendessen, und meine eindringliche Warnung hatte anscheinend diesmal mehr Eindruck auf sie gemacht, als die Warnungen noch am Nachmittag, denn sie brachen Hals über Kopf auf, ließen sich die Nudeln mit Tomatensoße als Wegzehrung noch in Gefrierbeutel füllen, und verließen fluchtartig das Matrashaus.
Nachts um halb elf wurde ich von ihnen aus dem Tal angerufen. Sie waren zum Glück gut unten angekommen.

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Die deutsche Familie flüchtet vor dem schlechten Wetter

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kam noch ein weiterer Tscheche, der gut deutsch sprach. Wenigstens die Verständigungsprobleme waren damit gelöst.

Am nächsten Morgen lag wie erwartet um die Hütte eine geschlossene Schneedecke, und der Wind heulte ums Haus.

In der warmen Stube schaut die kalte Welt draußen gar nicht so kalt aus, und so wollten sie auf jeden Fall den Abstieg versuchen. Mir war zwar von vornherein klar, dass sie bei diesen Verhältnissen, mit ihrer schlechten Ausrüstung und der fehlenden Erfahrung auf keinen Fall sicher ins Tal kommen würden, aber wie gesagt, in der warmen Stube glaubt mir das zunächst sowieso keiner.

Die Sache wird nur dann wirklich lebensgefährlich, wenn die Gruppe zu weit absteigt, und dann den Rückweg zur Hütte nicht mehr schafft.

Natürlich habe ich die Familie mit allem was ich von meiner Kleidung entbehren konnte ausgerüstet, aber für den Vater gab es wirklich keine Hose, die ihm auch nur annähernd gepasst hätte. Mein Angebot, die nackten Wadl wenigstens provisorisch gegen den Wind zu schützen, lehnte er heroisch ab. Wie gesagt wir saßen ja noch in der warmen Stube.

Außerdem bot ich ihnen an, sie ein Stück hinunter zu begleiten. So hatte ich es wenigstens in der Hand mit ihnen wieder umzukehren, bevor es wirklich gefährlich werden konnte.

Vor der Hütte wehte ein eisiger Wind, der mit den Böen sicher eine Geschwindigkeit von 60 bis 70 km/h erreichte.
Ich ging voran, und schon auf den ersten Metern sah ich die Probleme. Aber nicht wie erwartet die Kinder, sondern die Mutter stieß bei diesen eisigen Verhältnissen schon bald an ihre Grenzen. So unsicher, wie sich die Frau schon hier bei der Hütte bewegte, sie war jetzt noch körperlich fit, und nicht durchgefroren, so unsicher hatte sie weiter unten keine Chance mehr.

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Die tschechische Familie an der gleichen Stelle 14 Stunden später

Wir waren noch nicht einmal beim sogenannten Leiterl, vielleicht 300, 400 Meter vom Haus entfernt, als der Umkehrpunkt erreicht war: die Mutter hatte Todesangst, die jüngere Tochter bekam immer wieder kurze Weinanfälle, und selbst der Vater wäre wohl inzwischen froh um etwas mehr Schutz für seine nackten Wadl gewesen.

Auch ich war froh, dass dieser Grenzpunkt von ihnen selbst schon so früh erreicht war, die Situation war für die Familie zwar wirklich grausig, aber noch nicht wirklich gefährlich. Von hier konnte ich zur Not noch jeden einzeln zur Hütte zurück bringen. Und die anderen hätte ich derweil in den von mir mitgenommenen Biwaksack gesetzt.

Wieder zurück im Matrashaus wurde ihnen die Situation langsam klar. Wenn sich das Wetter nicht deutlich bessern würde, saßen sie in der Hütte fest.
Wobei sie selbst wahrscheinlich erst einmal froh waren überhaupt überlebt zu haben.
So schnell ändert sich die Einstellung.

Für den gleichen Tag war auch noch eine Studentengruppe unter der Leitung einer erfahrenen Bergführerin angekündigt.
Am Nachmittag traf dann diese Gruppe auch tatsächlich ein, was die Chancen für die tschechische Familie deutlich erhöhte.

Am nächsten Morgen waren die Verhältnisse wesentlich besser. Der Wind hatte nachgelassen, und auch die Temperaturen waren um einige Grad gestiegen, allerdings lag immer noch Schnee.

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Der Vater mit seiner jüngeren Tochter am Leiterl

Die Bergführerin konnte zwar die Verantwortung für die Familien beim Abstieg nicht übernehmen, aber zumindest war eine Spur gelegt, an der sich die Familie orientieren konnte.
Ich bin wieder ein Stück mit ihnen abgestiegen, und als ich sah, dass am heutigen Tag keine Gefahr mehr bestand, bin ich wieder zurück ins Matrashaus.
Am späten Donnerstagnachmittag waren glücklicherweise wieder alle gesund im Tal.

Derartige Situationen kommen bei uns immer wieder mal vor. Und zum Glück gehen sie meistens gut aus.
Viele können sich nicht vorstellen, wie ein Schlechtwettereinbruch in unserer Höhe massiv die Verhältnisse ändert. Mütze, Handschuhe, Anorak gehören selbst bei schönem Wetter in den Rucksack.
Natürlich sieht man bei uns auch immer wieder jemanden, der mit Turnschuhen und kurzer Hose, nicht einmal ein Rucksack ist dabei, auf den Hochkönig „sprintet“.
Und das selbst vor einem angekündigten Wetterumschwung.
Aber so etwas sollte wirklich nur wagen, wer sich, und die Verhältnisse gut und realistisch einschätzen kann.
Meiner Erfahrung nach sind das nicht so viele.
Alle anderen würde ich bitten selbst die richtige Kleidung mitzunehmen, denn bis zum nächsten Versorgungsflug habe ich keine Ersatzkleidung mehr am Matrashaus.

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Roman Kurz
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